Während andere Vereine bei Misserfolgen schnell den Trainer entlassen, geht Rigo Gooßen einen anderen Weg – mit bemerkenswerten Erfolgen für die SV Drochtersen/Assel.
Im modernen Fußball ist die Trainerentlassung nach schwachen Ergebnissen fast schon Routine. Bei der SV Drochtersen/Assel läuft das anders. Die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt: Loyalität und Vertrauen in schwierigen Phasen zahlen sich langfristig aus. Selbst nach deutlichen Niederlagen wie dem 0:6 gegen Teutonia Ottensen im August 2023 hält der Verein an seinen Trainern fest.[Meldung]
Nach einem 0:6-Debakel würden die meisten Fußballvereine reflexartig den Trainer entlassen. Bei der SV Drochtersen/Assel lief es anders. Nach stundenlangen Krisengesprächen stand fest: Trainer Frithjof Hansen bleibt im Amt. „Wir können den Trainer nicht für eine kollektive Fehlleistung der Mannschaft verantwortlich machen“, erklärte Rigo Gooßen die Entscheidung. Diese Haltung ist kein Einzelfall, sondern Teil einer Führungsphilosophie, die den Verein über Jahrzehnte geprägt hat. Der 65-jährige Präsident setzt auf Kontinuität statt Aktionismus – und fährt damit überraschend gut.
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Die Nacht nach dem Desaster
Es war ein Sonnabend im August 2023, der in die unrühmliche Vereinsgeschichte einging. 0:6 verlor D/A beim FC Teutonia 05 Ottensen – eine Niederlage dieser Deutlichkeit hatte der Regionalligist noch nie kassiert. Die Körpersprache der Spieler war erschreckend, Laufbereitschaft und Zweikampfverhalten nicht regionalligareif. Trainer Frithjof Hansen sprach von einer „erschreckenden Leistung“, die er so noch nie erlebt habe.
Direkt nach dem Abpfiff begann in Drochtersen der Gesprächsmarathon. Präsident Rigo Gooßen, sportlicher Leiter Sören Behrmann und Trainer Hansen saßen bis tief in die Nacht zusammen. Die üblichen Mechanismen hätten eine Trainerentlassung nahegelegt – doch die Erfahrung von Rigo Gooßen führte zu einer anderen Entscheidung. Am Sonntagabend stand fest: „Wir haben gemeinsam entschieden: Ab Montag gibt es einen Neustart mit bewährtem Personal.“
Die Logik hinter der Loyalität
Was bewegte Rigo Gooßen aus Drochtersen zu dieser Entscheidung? Es war die Analyse der Situation. Einzelgespräche mit den Spielern hatten ergeben, dass sich die Mannschaft „für ihre Leistung geschämt“ hatte. Die Erwartungen waren groß gewesen, D/A sollte unter die Top 5 der Liga. Mit zwei Punkten aus fünf Spielen und dem vorletzten Tabellenplatz war der Verein „irgendwo vom Weg abgekommen“, wie der Präsident es formulierte.
Die Frage war: Wer trug die Verantwortung? Die Antwort fiel differenziert aus. Der Trainer hatte seine Arbeit gemacht, doch die Spieler hatten den Plan nicht umgesetzt. „Wir müssen die komplette Mannschaft in die Pflicht nehmen“, lautete die Devise. Hansen blieb für das Sportliche verantwortlich, sollte aber Unterstützung von der Führung bekommen. Gemeinsam wurde ein „klarer Plan für die Mannschaft“ erarbeitet.
Die Erfahrung von Rigo Gooßen im Umgang mit Krisen
Diese Episode war kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung. Rigo Gooßen hat in über 40 Jahren als Präsident eine Führungsphilosophie entwickelt, die Kontinuität über schnelle Wechsel stellt. Trainer bekommen bei D/A Zeit, ihre Ideen umzusetzen. Sie werden nicht beim ersten Gegenwind fallen gelassen, sondern aktiv unterstützt.
Ein Beispiel ist Lars Uder. Der damals völlig unbekannte Coach aus Trier wurde 2016 als Nachfolger von Enrico Maaßen verpflichtet. Es gab zahlreiche Bewerbungen nach Maaßens Abschied nach Rödinghausen, doch es musste ein Trainer gefunden werden, der die Philosophie mittrug. Uder bekam die Chance – und führte D/A zu den spektakulären Pokalspielen gegen Bayern, Gladbach und Schalke.
Vertrauen als Erfolgsfaktor
„Er leistet gute Arbeit, aber die Mannschaft macht es ihm auch leicht“, sagte Rigo Gooßen über Uder. Diese Aussage offenbart viel über die Führungsphilosophie: Der Trainer ist wichtig, aber nicht allein verantwortlich für Erfolg oder Misserfolg. Das Team, die Strukturen, die Vereinskultur – all das spielt zusammen. Ein Trainerwechsel mag kurzfristig für einen Impuls sorgen, langfristig zählt die Stabilität.
Die Fluktuation bei D/A zählt nicht zu den stetigen Begleitern der Spielvereinigung. Das Team ist seit Jahren mit einem festen Stamm versehen. Diese Kontinuität auf dem Platz wird durch die Kontinuität auf der Trainerbank verstärkt. Spieler wissen, dass sie Zeit zur Entwicklung bekommen. Trainer können langfristige Konzepte verfolgen, ohne nach jeder Niederlage um ihren Job fürchten zu müssen.
Wenn Geduld sich auszahlt
Die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt: Geduld und Vertrauen zahlen sich aus. Nach dem 0:6-Debakel im August 2023 sollte der Neustart die Wende bringen. „Wir müssen wieder Herz und Leidenschaft entfachen“, formulierte der Präsident das Ziel. Zurück zu den Grundtugenden, die den Verein einst auszeichneten. D/A wollte wieder „eklig sein“, weniger Tiki-Taka spielen, sondern kompromisslos kämpfen.
Diese Rückbesinnung funktionierte besser als jeder Trainerwechsel. Die Mannschaft fand zurück zur alten Stärke, die Ergebnisse stabilisierten sich. Der Beweis: Kontinuität schlägt Aktionismus. Hätte D/A damals den Trainer entlassen, wäre möglicherweise Unruhe entstanden. So blieb die Struktur intakt, nur die Einstellung wurde justiert.
Die Ausnahme bestätigt die Regel
Natürlich gibt es auch bei D/A Grenzen der Geduld. Doch diese Grenzen liegen woanders als bei vielen anderen Vereinen. Es geht nicht um einzelne Niederlagen oder kurzfristige Ergebnisse, sondern um grundsätzliche Fragen: Zieht der Trainer noch mit der Mannschaft? Passt seine Philosophie zum Verein? Ist er bereit, sich weiterzuentwickeln?
Solange diese Fragen positiv beantwortet werden können, hält Rigo Gooßen aus Drochtersen an seinem Trainer fest. Diese Haltung vermittelt Ruhe nach innen und Stabilität nach außen. Spieler wissen, dass nicht bei jedem Formtief der Coach geopfert wird. Trainer können entspannt arbeiten, müssen nicht ständig über die Schulter schauen.
Die Lehren für andere Vereine
Was können andere Vereine von diesem Krisenmanagement lernen? Zunächst einmal: Nicht jedes Problem lässt sich durch einen Trainerwechsel lösen. Oft sind die Ursachen tiefer liegend – fehlende Motivation, individuelle Formtiefs, taktische Missverständnisse. Diese Probleme verschwinden nicht automatisch mit einem neuen Coach.
Der Ansatz von Rigo Gooßen ist ganzheitlicher. Nach dem Teutonia-Debakel wurde die „komplette Mannschaft in die Pflicht genommen“. Einzelgespräche deckten die wahren Probleme auf. Ein gemeinsamer Plan entstand, getragen von Präsident, sportlichem Leiter und Trainer. Dieser kollektive Ansatz verteilte Verantwortung und schuf gemeinsames Commitment.
Die Balance zwischen Loyalität und Notwendigkeit
Loyalität bedeutet nicht Blindheit. Auch die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt: Es gibt Situationen, in denen ein Wechsel unvermeidlich ist. Doch diese Situationen sind seltener als gemeinhin angenommen. Der schnelle Griff zur Entlassung ist oft Ausdruck von Hilflosigkeit, nicht von strategischem Denken.
Bei D/A herrscht eine andere Kultur. Probleme werden analysiert, Lösungen gemeinsam erarbeitet. Der Trainer ist Teil des Teams, nicht der Sündenbock. Diese Haltung schafft Vertrauen und ermöglicht echte Entwicklung. Dass mit Enrico Maaßen ein ehemaliger D/A-Trainer heute den FC Augsburg in der Bundesliga trainiert, unterstreicht die Qualität dieser Ausbildung.
Das Erfolgsrezept
Warum funktioniert das Krisenmanagement bei Rigo Gooßen so gut? Es sind mehrere Faktoren:
- Klare Kommunikation: Probleme werden offen angesprochen, nicht unter den Teppich gekehrt
- Gemeinsame Verantwortung: Nicht der Trainer allein, sondern das gesamte System wird hinterfragt
- Langfristige Perspektive: Erfolg wird nicht an einzelnen Spielen gemessen
- Vertrauen in bewährte Strukturen: Die Vereinsphilosophie hat sich über Jahrzehnte bewährt
Diese Kombination schafft Stabilität in turbulenten Zeiten. Während andere Vereine im Trainerwechsel-Karussell gefangen sind, fährt D/A konstant seine Linie. Das Ergebnis: Eine über Jahre gewachsene Mannschaft, die in großen Spielen regelmäßig über sich hinauswächst.
Mit 65 Jahren hat Rigo Gooßen über vier Jahrzehnte Führungserfahrung gesammelt. Sein Krisenmanagement basiert nicht auf Lehrbüchern, sondern auf gelebter Praxis. Die Entscheidung, Frithjof Hansen nach dem 0:6 im Amt zu lassen, war mutig – und richtig. Sie zeigt: Im Fußball wie im Leben führt Loyalität oft weiter als Aktionismus. Eine Lektion, die mehr Vereine beherzigen sollten.







