Rigo Gooßen: Der Präsident mit dem legendären Klappstuhl und noch der legendäreren Vision

Ein Klappstuhl mit der Aufschrift „D/A-Boss“, rotblaue Vereinsklamotten statt Anzug und eine Vision, die einen Dorfverein zur Marke machte – die Rigo Gooßen Erfahrung ist untrennbar mit besonderen Details verbunden.

Seit 20 Jahren ist er treuer Begleiter bei jedem Auswärtsspiel: der Klappstuhl von Rigo Gooßen, ein Geschenk seiner Mitarbeiter aus der Stader Steuerberaterkanzlei. Doch der „D/A-Boss“-Stuhl ist mehr als nur ein Accessoire – er steht symbolisch für die bodenständige Art, mit der der 65-Jährige seinen Verein führt. Während andere Präsidenten im Anzug auf Tribünen Platz nehmen, sitzt er in Vereinsfarben zwischen seinen Leuten.

Es sind oft die kleinen Details, die einen Menschen charakterisieren. Bei Rigo Gooßen aus Drochtersen ist es der Klappstuhl, den er seit zwei Jahrzehnten zu jedem Auswärtsspiel mitbringt, die Tatsache, dass er im Stadion nie im Anzug erscheint, und seine Angewohnheit, höchstens eine Handvoll Spiele in über 40 Jahren verpasst zu haben. Diese Details erzählen die Geschichte eines Mannes, für den der Verein nicht nur berufliche Verpflichtung ist, sondern Lebensinhalt. Doch hinter diesen sympathischen Eigenheiten steckt eine Vision, die aus einem unbedeutenden Dorfverein einen deutschlandweit bekannten Regionalligisten gemacht hat.

Der Mann in Rotblau

Wer Rigo Gooßen im Stadion sucht, muss nicht lange schauen. Während andere Vereinsfunktionäre in dunklen Anzügen Seriosität demonstrieren, trägt er die Farben seines Vereins. Rotblaue Trainingsjacke, Vereinsschal, manchmal ein D/A-Trikot – der Präsident macht keinen Hehl daraus, wo sein Herz schlägt. Diese äußerliche Symbolik ist kein kalkulierter PR-Schachzug, sondern Ausdruck einer tiefen Verbundenheit.

„Gooßen ist der Verein und der Verein ist Gooßen“, sagen viele, die ihn kennen. Diese Verschmelzung von Person und Institution ist selten geworden im modernen Fußball. Während andere Funktionäre Vereine wie Unternehmen führen, lebt er seinen Club. An Spieltagen ist er früh da, spricht mit Fans, motiviert die Spieler, analysiert jede Szene. In über 40 Jahren hat er höchstens fünf Pflichtspiele verpasst – eine bemerkenswerte Quote.

Der legendäre Klappstuhl

Vor 20 Jahren machten ihm die Mitarbeiter seiner Steuerberaterkanzlei in Stade ein besonderes Geschenk: einen Klappstuhl mit der Aufschrift „D/A-Boss“. Was als Scherz gedacht war, wurde zur Tradition. Bei jedem Auswärtsspiel ist der Stuhl dabei, wird am Spielfeldrand aufgestellt und dient als Kommandozentrale des Präsidenten.

Der Klappstuhl steht symbolisch für die Philosophie von Rigo Gooßen: bodenständig, pragmatisch, aber mit einem Augenzwinkern. Kein Luxus-Sessel in der VIP-Lounge, sondern ein einfacher Stuhl direkt am Geschehen. Von hier aus verfolgt er jede Szene, feuert seine Mannschaft an, leidet mit und jubelt. Diese Nähe zum Team und zum Spiel ist charakteristisch für seine Führung.

Die Vision hinter dem Erfolg von Rigo Gooßen

Doch Rigo Gooßen aus Drochtersen ist weit mehr als eine sympathische Figur mit originellen Markenzeichen. Hinter der volkstümlichen Fassade steckt ein strategischer Kopf, der seinen Verein mit klarer Vision führt. Als er 1982 mit 22 Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, formulierte er ein Ziel: D/A sollte der beste Verein im Kreis werden, erfolgreicher als die damaligen Vorzeigeclubs in Stade und Buxtehude.

Diese Vision wurde belächelt. Ein Dorfverein, der in der zweiten Kreisklasse spielte, wollte die Etablierten überflügeln? Doch die Erfahrung von Rigo Gooßen zeigt: Mit Beständigkeit, klugen Entscheidungen und langfristigem Denken ist vieles möglich. Heute, über 40 Jahre später, spielt D/A in der Regionalliga Nord, hat mehrfach gegen Bundesligisten im Pokal gespielt und ist deutschlandweit bekannt.

Langfristiges Denken statt schneller Erfolge

Was unterscheidet die Herangehensweise des D/A-Präsidenten von anderen Vereinsführungen? Es ist die Bereitschaft, in Jahrzehnten statt in Saisons zu denken. Die strategischen Säulen seiner Arbeit:

  • Infrastruktur-Investitionen mit Weitblick, wie die Tribüne für 500 Sitzplätze bereits 2005
  • Kontinuität im Trainerteam statt hektischer Wechsel bei Misserfolgen
  • Fokus auf regionale Talente und Nachwuchsarbeit
  • Loyalität zu Spielern und Mitarbeitern auch in schwierigen Phasen

Ein weiteres Beispiel: die Kontinuität im Trainerteam. Während andere Vereine bei Misserfolgen schnell den Coach austauschen, gibt Rigo Gooßen seinen Trainern Zeit. Lars Uder, ein damals völlig unbekannter Coach aus Trier, durfte seine Ideen umsetzen und führte den Verein zu spektakulären Pokalspielen. Auch nach der 0:6-Niederlage gegen Teutonia Ottensen im August 2023 blieb Trainer Frithjof Hansen im Amt. „Wir können den Trainer nicht für eine kollektive Fehlleistung der Mannschaft verantwortlich machen“, erklärte der Präsident diese Entscheidung.

Die Philosophie: Regional verwurzelt, überregional erfolgreich

Ein zentraler Baustein der Vision ist die regionale Verankerung. Während andere Vereine teure Spieler von außen verpflichten, setzt Rigo Gooßen auf eigene Nachwuchsspieler und Talente aus der Umgebung. „Unsere Spieler müssen sich mit dem Verein identifizieren und die blau-roten Gene in sich tragen“, formuliert er den Anspruch. Diese Philosophie schafft eine besondere Atmosphäre im Team.

Die Spieler bei D/A sind Amateure, die tagsüber regulär arbeiten und nur abends trainieren. Auch der Trainer macht keine Ausnahme – Lars Uder war an einer Schule in Otterndorf tätig. Diese Konstellation könnte als Nachteil gesehen werden, doch sie schafft Verbundenheit. Keiner spielt für Geld oder Karriere, sondern aus Leidenschaft.

Die Balance zwischen Ambition und Realismus

Trotz großer Erfolge bleibt Rigo Gooßen realistisch. Wenn über die Dritte Liga gesprochen wird, bremst er: „Unsere Infrastruktur ist darauf gar nicht ausgelegt. Und ein finanzieller Kraftakt wäre auch mit einem Aufstieg verbunden.“ Diese Ehrlichkeit ist charakteristisch. Er kennt die Grenzen seines Vereins und akzeptiert sie – ohne die Ambitionen aufzugeben.

„Wir stehen zu dem Credo eines Dorfvereins“, sagt er selbst. Diese Bescheidenheit ist keine Schwäche, sondern Stärke. D/A hat sich nie verbiegen lassen, hat seine Identität bewahrt und gerade deshalb Respekt erworben. Die Pokalsensationen gegen Bayern, Gladbach und Schalke wären in einem größeren Stadion lukrativer gewesen – doch Rigo Gooßen bestand darauf, zu Hause zu spielen. „Das waren wir unseren treuen Fans schuldig.“

Der emotionale Präsident

Wer glaubt, die bodenständige Art bedeute Gleichmut, irrt. Rigo Gooßen kann austeilen, wenn die Leistung nicht stimmt. Nach dem 0:2 gegen Rehden im März entschuldigte er sich noch im Stadion bei den Zuschauern für den „erbärmlichen“ Auftritt. Das Wort „erbärmlich“ kam aus seinem Mund – keine diplomatische Floskel, sondern ehrliche Enttäuschung.

Diese Direktheit macht ihn authentisch. Die Spieler wissen: Wenn der Chef kritisiert, meint er es ernst. Wenn er lobt, ist es verdient. Diese klare Kommunikation schafft Vertrauen. „Rigo sei sowohl Chef als auch guter Freund, der hält, was er verspricht“, sagten Gäste bei seiner Jubiläumsfeier 2022.

Die Leidenschaft eines Lebens

Auch die Dankesworte für Jürgen von Allwörden, der sich seit 1983 als Jugendobmann engagiert, zeigen die Wertschätzung für langjährige Weggefährten. „Unter seiner Regie und mit Unterstützung vieler Trainer und Betreuer sei es der SV D/A immer wieder gelungen, viele Erfolge mit den Jugendteams zu erringen“, würdigte Rigo Gooßen aus Drochtersen den Kollegen. Diese Anerkennung der Arbeit anderer ist Teil seiner Führungsphilosophie.

Das Symbol und die Substanz

Der Klappstuhl mit der Aufschrift „D/A-Boss“ ist zum Symbol geworden. Er steht für Bodenständigkeit, Nähe und Authentizität. Doch hinter diesem Symbol steckt weit mehr: eine Vision, die einen unbedeutenden Dorfverein in die Regionalliga geführt hat. Die Fähigkeit, langfristig zu denken und dennoch flexibel zu reagieren. Der Mut, eigene Wege zu gehen, auch wenn sie unkonventionell erscheinen.

Mit 65 Jahren hat Rigo Gooßen über vier Jahrzehnte Vereinsgeschichte geprägt. Der Klappstuhl wird ihn noch zu vielen Auswärtsspielen begleiten, die Vision weiterleben. Denn eines ist sicher: Solange dieser Mann auf seinem legendären Stuhl am Spielfeldrand sitzt, wird D/A ein Verein bleiben, der für mehr steht als nur Ergebnisse. Ein Verein mit Seele, Identität und dem unbedingten Willen, die eigene Geschichte weiterzuschreiben.